Warum ist Pharma-Werbung problematisch?
Arzneimittel sind keine gewöhnlichen Konsumgüter
(Foto: Daniel Fuhr / Fotolia)
Arzneimittel sind keine gewöhnlichen Konsumgüter wie Staubsauger, Sofa, Fernseher oder Brot. An ihre Sicherheit und ihren Nutzen müssen besonders hohe Ansprüche gestellt werden. Denn Arzneimittel sollen dazu beitragen, die Gesundheit des Einzelnen und der gesamten Bevölkerung zu verbessern. Ein Medikament, das zur Behandlung eines Patienten oder einer Patientin eingesetzt wird, sollte die medizinisch sinnvollste und sicherste verfügbare Therapie sein. Sie sollte messbar bessere Ergebnisse für die Gesundheit erbringen als andere Therapiemöglichkeiten. Das klingt selbstverständlich, ist es aber keineswegs.
Werbung für Arzneimittel
Werbung für Arzneimittel will uns Glauben machen, dass es für alle Probleme eine medikamentöse Lösung gibt. Der Griff zur Pille erscheint schnell und unkompliziert. Aber um gesund zu sein brauchen wir gesunde Lebensbedingungen. Daher gehören zur Gesundheitsversorgung auch gesunde Lebensbedingungen, wie ausreichend Nahrung, sauberes Trinkwasser und Bildung.
Werbebeispiele aus Deutschland:
Werbebeispiel aus Kenia:
Werbebeispiel aus Sambia:
Appetitförderer gegen den Hunger:
Appevite® Forte und
Bayer´s Tonic® in Indien
Die Beispiele zeigen, dass an die Vermarktung von Arzneimitteln besondere Maßstäbe angesetzt werden müssen. Arzneimittel sind ein besonders Gut und müssen daher – im Gegensatz zu anderen Produkten – auch anders behandelt werden. Darüber hinaus müssen sich auch deutsche Hersteller, die ihre Produkte in Ländern der Dritten Welt vermarkten, dieser besonderen Verantwortung stellen.
Medikamente – ein Teil der Gesundheitsversorgung
Medikamente sind ein kleiner, aber wichtiger Teil dieser Gesundheitsversorgung – auch in armen Ländern. Dass viele unsinnige, wirkungslose oder gefährliche Arzneimittel in Ländern der Dritten Welt beworben und verkauft werden, hat besonders tragische Folgen. Angesichts gravierender Gesundheitsprobleme und knapper Kassen ist es dort besonders wichtig, dass Arzneimittel rational, das heißt wirksam und sicher sind. Daher sind Nutzen und Risiken von Arzneimitteln immer genau abzuwägen.
Kontrolle ist wichtig
(Foto: S. Meichsner / Apotheke an der Mexikanisch-Amerikanischen Grenze)
In Ländern des Südens sind staatliche Kontrollstellen, die den Arzneimittelmarkt überwachen meist schwach besetzt oder fehlen ganz. Auch die staatliche Gesundheitsversorgung ist in vielen Ländern unzureichend. Wo ein Arztbesuch einen Monatslohn kosten kann, investieren PatientInnen ihr knappes Geld lieber in Pillen als in ärztlichen Rat. Und die sind in großen Teilen der Welt auch ohne Rezept leicht zu haben: In vielen Ländern verkaufen Straßenhändler, Kaufhäuser oder Drogerien, was der Heilung dienen soll. Medikamente werden ohne Beipackzettel und ohne Dosierungsempfehlung abgegeben. Selbst dort wo es Apotheken gibt, blüht der Schwarzmarkt.
In dieser Apotheke in Mexiko werden Arzneimittel angeboten, die bei uns nur vom Arzt verordnet und in Apotheken verkauft werden dürfen. Hier wird damit geworben, dass keine Verschreibung für den Erwerb der Medikamente nötig ist. Zu den angebotenen Präparaten gehört neben Viagra auch das Antibiotikum Amoxicillin.
Antibiotika sind hoch wirksame Arzneimittel, die gegen Bakterien wirken. Sie können Leben retten. Sie helfen gegen so schwere Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten. Gegen die meisten Atemwegserkrankungen jedoch – also Schnupfen, Husten, Bronchitis und Grippe – ist der Einsatz von Antibiotika gar nicht sinnvoll, da diese oft durch andere Erreger, z.B Viren ausgelöst werden. Da Antibiotika auch heute noch weltweit zu oft verordnet oder falsch eingenommen werden, sind viele Krankheitserreger mittlerweile gegen Antibiotika immun, d.h. die Antibiotika helfen nicht mehr. Das nennt man dann Antibiotika-Resistenz. Hinzu kommt, dass Pharmafirmen den übermäßigen Einsatz von Antibiotika durch Werbung fördern. Dadurch wird das Problem der Antibiotika-Resistenz noch verschärft.
Mangelversorgung im Süden – Überfluss im Norden
(Foto: Sebastian Kaulitzki / Fotolia)
Es ist paradox: Während in vielen Ländern der Dritten Welt Hunderte von unwirksamen, unsinnigen oder sogar gefährlichen Medikamenten angeboten werden, mangelt es dort gleichzeitig an der Grundversorgung mit notwendigen, bewährten und lebensrettenden Arzneimitteln. In reichen Ländern dagegen, wie z.B. in Deutschland oder in den USA gibt es ein Überangebot an Arzneimitteln. Die Reichen der Welt, also rund 15 Prozent der Erdbevölkerung, kaufen und verbrauchen etwa 90 Prozent aller weltweit hergestellten Arzneimittel. Doch obwohl es in vielen Ländern der Welt am Notwendigen mangelt, werden die Märkte in Nord und Süd mit zahlreichen unsinnigen Arzneimitteln und Präparaten überschwemmt. Eine Studie der BUKO Pharma-Kampagne aus dem Jahr 2004 zeigt, dass noch immer fast 40% der Arzneimittel, die deutsche Hersteller in der Dritten Welt vermarkten, schlichtweg unsinnig, überflüssig oder gar gefährlich waren. Zudem geraten gerade in reichen Ländern Gesunde ins Visier der Pharmaindustrie. Kleinere Beschwerden oder sexuelle Probleme werden zu Krankheiten umdefiniert und ein „passendes“ Medikament als Lösung angeboten. Dabei brauchen wir die meisten Life-Style-Medikamente gar nicht. Fast immer ist eine gesunde Lebensweise die bessere Therapie!
Arzneimittel – ja oder nein?
Um vernünftige Entscheidungen für oder gegen ein bestimmtes Arzneimittel oder eine andere Behandlung zu treffen, benötigen alle Menschen auf der Welt Zugang zu vernünftigen Informationen und genügend Bildung, um Werbetricks zu durchschauen, Werbeaussagen zu hinterfragen und den eigenen Arzneimittelkonsum zu überdenken.
Hierbei können die auch folgende Links hilfreich sein:
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- Eine kritische Analyse einer Anzeige aus dem Medical Tribune
Merke: Ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder Apotheker kann klären, ob ein Arzneimittel sinnvoll ist oder nicht.